Weshalb “Du sollst nicht bewerten” Unsinn ist

Bewerten und Nicht-Bewerten in der Achtsamkeit

Etwas zu bewerten, gilt im Zusammenhang mit der Achtsamkeitspraxis geradezu als verwerflich. Viele Achtsamkeit Praktizierende sind im Stillen beschämt darüber, dass sie immer noch bewerten. Wenn es dir auch so geht, kannst du dich jetzt entspannt zurücklehnen. Denn in diesem Beitrag wirst du erfahren, warum du auch weiterhin bewerten darfst – aber diesmal mit gutem Gewissen.

Das elfte Gebot brechen

Der mahnende Satz “Du sollst nicht bewerten” scheint zum elften Gebot der Meditierenden, Buddhisten und Achtsamkeit Praktizierenden geworden zu sein. Gebetsmühlenartig wird diese Aufforderung wie ein Mantra in nahezu jedem Ratgeber über Achtsamkeit, Meditation oder Spiritualität wiederholt.

Wenn du Achtsamkeit praktizierst oder sogar Achtsamkeitstrainer oder MBSR-Lehrerin bist, kannst du vermutlich ein Lied davon singen, wie oft du schon von “Achtsamkeitspolizisten” darüber belehrt wurdest, dass du nicht bewerten sollst. Wer Achtsamkeit lebt (und vor allem lehrt) von dem wird erwartet, dass er die Welt urteilsfrei, nicht-wertend und mitfühlend wahrnimmt. Ohne Wenn und Aber.

Erst kürzlich wurde ich mal wieder dahingehend belehrt. Ich hatte auf Facebook etwas über den Verwaltungswahnsinn einer Behörde gepostet, mit dem wir uns im DFME gerade herumzuschlagen haben. Und ich habe festgestellt: Das nervt!

Dieses süffisant mahnende “Wir wollen doch nicht bewerten …” *lächel*, lässt manches Mal einen stillen Stoßseufzer in mir aufsteigen – wissen doch die meisten Mahner gar nicht, wovon sie eigentlich reden.

Über manche Dinge wird viel diskutiert. Je größer die Unwissenheit, desto größer die Diskussion.

Der Mythos des Nicht-Bewertens

Deshalb habe ich mich entschlossen, die Frage des Bewertens und Nicht-Bewertens einmal aufzugreifen, um mit den dahinter stehenden Missverständnissen aufzuräumen. Meine stille Hoffnung ist, die Zeitgenossen mit der Freude am Mahnen, zu etwas mehr Zurückhaltung zu bewegen.

Vor allem aber möchte ich dir dein Selbstbewusstsein zurückgeben, wenn du bislang innerlich beschämt darüber warst, dass du trotz aller Achtsamkeitspraxis, Meditationserfahrungen und spirituellen Gesinnung deine urteilenden Gedanken immer noch nicht überwinden konntest.

Bewerten und urteilen

Jede Erfahrung, die wir machen, erzeugt einen “Gefühlston”: angenehm, unangenehm oder neutral

Nicht-werten: Worum es eigentlich geht

Das Konzept des Nicht-Wertens ist vor allem aus der buddhistischen Psychologie bekannt. Amhäufigsten begegnet es uns derzeit im Zusammenhang mit den Haltungen der Achtsamkeit, die Grundlage der Achtsamkeits- und Meditationspraxis bilden.

Erfahre hier mehr über die Haltungen der Achtsamkeit →

Der Hintergrund ist folgender: Seit Anbeginn ist die Gattung Mensch mit einem inneren Überlebensprogramm ausgestattet, das ihr Überleben in einer feindlichen Umwelt sichern sollte. Dieses Programm funktioniert auch heute noch auf die gleiche Weise.

Im Kern geht es darum, das eigene Leben zu schützen. Dazu wird alles, was unsere Sinne wahrnehmen, im Limbischen System unseres Gehirns zunächst auf Freund oder Feind überprüft. Unterhalb der Bewusstseinsschwelle erfolgt in Bruchteilen von Sekunden eine Bewertung, die in einer von drei Kategorien mündet: angenehm, unangenehm oder weder-angenehm-noch-unangenehm.

Ohne die Fähigkeit des Bewertens wären wir nicht lebensfähig

Letzteres winkt unser System quasi durch; es schenkt ihm keine weitere Beachtung. Angenehm oder unangenehm jedoch versetzen uns augenblicklich (und gewöhnlich unbemerkt) in den Zustand von Verlangen oder Widerstand

Diese Zustände haben bestimmten Gedanken, Emotionen und Impulse im Gepäck, die uns zu bestimmten Handlungen veranlassen, denen gewöhnlich jegliche Objektivität fehlt. In der Regel geschieht all das vollautomatisch und deshalb ist es weit entfernt von der Idee eines selbstbestimmten Lebens.

Bewerten und Achtsamkeit

Wir sollten nicht ungeprüft glauben, was der Kopf uns erzählt.

Dem Autopiloten nicht zum Opfer fallen

Wir können diesen Mechanismus nicht abschalten, denn diese Bewertungsfunktion ist Teil unseres genetischen Erbes. Zu sagen: “Du darfst nicht bewerten” ist ebenso sinnfrei, wie die Aussage: “Du darfst keinen Durst haben”.

Nehmen wir zum Beispiel die Situation in der Meditation. Sätze wie “Das ist langweilig”, “Ich will diese ganzen Gedanken nicht haben”, “Ist das nicht alles Zeitverschwendung?” oder “Die Stimme des Anleitenden ist blöd”, stellen ganz klar Wertungen dar. Während wir einfach nur still dasitzen, produziert das Gehirn solche wertenden Sätze ohne unser Zutun.

Versunken im Bewertungsmuster

Ein heiteres Beispiel solch eines Versinkens in Bewertungen und dessen Folgen, ist mir von der Achtsamkeitslehrerin Sylvia Boorstein in Erinnerung.

Sie erzählte einmal, dass sie die Absicht hatte, an einem Retreat in einem Kloster teilzunehmen. Zuvor wollte sie ein persönliches Gespräch mit dem Abt führen. Sie rief mehrere Male im Kloster an und jedes Mal war der Abt nicht zu sprechen.

Bei einem erneuten Anruf gab man Sylvia die Information, dass der Abt leider wieder unterwegs sei. Sie sagte daraufhin verärgert, das wäre wohl ein Zeichen dafür, dass sie an dem Retreat nicht teilnehmen sollte. Worauf der Mönch am anderen Ende freundlich entgegnete, dass dies eher ein Zeichen dafür sei, dass der Abt nicht im Hause ist.

Die Aufforderung, nicht zu bewerten, ist deshalb irreführend und unsinnig, weil wir diese eigenständig ablaufenden Verarbeitungsprozesse des Gehirns nicht unterdrücken können! Und das ist auch gut so, denn das Bewerten ist eine wichtige Fähigkeit zur Bewältigung unseres Alltags. Zum Beispiel wenn wir als Vorgesetzter die Leistung eines Mitarbeiters beurteilen müssen. Oder wenn wir uns für ein neues Auto entscheiden, oder bei der Wahl eines Restaurants für ein Date.

Nicht-bewerten funktioniert gar nicht

Die gute Nachricht ist: Wir können in diesen Prozess eingreifen. Und genau darauf bezieht sich letztlich die Forderung des Nicht-Urteilens oder Nicht-Wertens.

Wir können Achtsamkeit nutzen, um die Bewertung zu bemerken. Das kann uns davor bewahren, dem Autopiloten die Steuerung unseres Lebens zu überlassen. Denn der Autopilot ist ein schlechter Fahrer; viel zu oft bringt er uns dorthin, wo wir gar nicht hin wollten.

Je mehr wir uns unserer Bewertungen und Urteile bewusst werden, desto weniger versinken wir in unbewussten Mustern von Annahmen, Meinungen, Vorurteilen, Abneigungen und Ängsten.

Stattdessen genießen wir die Haltung eines neutralen Beobachters, der sich nicht mit dem Geschehen identifiziert. Er handelt selbstbestimmt aus einer heilsamen inneren Distanz heraus, die im Einklang mit seinen Gefühlen, Bedürfnissen und Werten ist.

Bewerten Gefühlston

Erfahrungen zu bewerten ist Teil unseres genetischen Erbes.

Bewerte neu: Das Bewerten nicht bewerten

Es ist völlig unangebracht, wegen des körperlichen Mechanismus’ des Bewertens ein schlechtes Gewissen zu haben – und sich womöglich für das Bewerten auch noch zu verurteilen.

Die Forderung des Nicht-Bewertens für sich genommen ist irreführend. Sie sollte präzisiert werden: “Bewerte nicht das Bewerten”.

Werturteile von moralischen Urteilen unterscheiden

Werten, nicht-werten, bewerten, urteilen, beurteilen, verurteilen … sind Begriffe, die in unserer Sprache oft synonym verwendet werden. Nicht immer aber häufig schwingt dabei ein moralischer Unterton mit. Das ist vermutlich der Grund dafür, weshalb diese Worte oft unangenehme Assoziationen in uns auslösen und uns ein schlechtes Gefühl machen.

Ich fand einmal eine hilfreiche Differenzierung bei dem Psychologen Marshall Rosenberg, der die Gewaltfreie Kommunikation entwickelt hat.

Rosenberg unterscheidet Werturteile von moralischen Urteilen. Er sagt, Werturteile stehen direkt im Zusammenhang mit unseren Gefühlen, Bedürfnissen und Werten. Moralische Urteile hingegen sagen etwas darüber aus, wie Dinge oder Menschen unserer Meinung nach zu sein haben.

Moralische Urteile unterstellen anderen, dass sie unrecht haben oder dass sie schlecht sind, wenn sie sich nicht unseren Vorstellungen gemäß verhalten. Wir machen unsere eigenen Ansichten zum Maß aller Dinge und machen uns zu einem Richter, der darüber entscheidet, was richtig und was falsch, normal oder unnormal, achtsam oder unachsam ist.

Haltungen der Achtsamkeit

Bei Werturteilen sagen wir etwas darüber aus, was uns wichtig ist. Wir bewerten in jedem Moment, was gut für uns ist und was nicht. Aber wir machen das nicht zum Maßstab für andere.

Ich kann zum Beispiel feststellen, dass die Gegenwart eines bestimmten Menschen mir nicht gut tut. Das ist ein Werturteil. Wenn ich jedoch sage würde, dies sei ein nerviger Mensch, dann wäre das ein moralisches Urteil. Es geht also darum, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Falsche Fährten

Viele Bücher und Ratgeber im Internet setzen andere aus Unkenntnis auf falsche Fährten. Um Aufmerksamkeit heischende Überschriften a là “Mit diesen Tipps hörst du auf zu bewerten”, suggerieren, dass unser Urteilsvermögen etwas Verwerfliches wäre, das “überwunden” werden muss.

Der Leser erhält jede Menge Ratschläge und Tricks, wie dem vermeintlichen Problem kognitiv beizukommen ist, wie er das Bewerten “unterbinden” kann.

Die Erfahrung zeigt indes, dass so etwas nicht wirklich funktioniert. Unbewussten konditionierten Verhaltensweisen oder den Automatismen unseres archaischen Überlebensprogramms ist mit “schöner Denken” nicht beizukommen.

Veränderungen geschehen durch Einsicht, nicht durch “schöner Denken”

Es braucht ein tiefes, systematisches Erforschen der inneren Vorgänge, wie es in der Achtsamkeitspraxis trainiert wird. Nur Erkenntnisse, die daraus entstehen, haben die Kraft, geistige Angewohnheiten zu beeinflussen.

Solche Veränderungen können nicht übergestülpt werden. Sie entstehen vielmehr als Folge innerer Einsichten, durch eine systematische Erforschungen des Geistes – wie sie in der Achtsamkeitspraxis praktiziert wird. Bezeichnenderweise heißt die buddhistische Tradition (aus der die Achtsamkeit stammt), Vipassana, was soviel wie Einsicht bedeutet.

Auszeit Wochenende in Achtsamkeit und Schweigen

Achtsamkeitsübung: Die geistige Gewohnheit des Bewertens erforschen

  • Nimm eine aufrechte und gleichzeitig entspannte Haltung ein.
  • Verweile mit deiner Aufmerksamkeit einige Momente beim Atem.
  • Sei dir auch der Empfindungen des Körpers bewusst, während du absichtslos ein- und ausatmest.
  • Denke an ein Ereignis, das unangenehm für dich war.
  • Vergegenwärtige dir Geschehen noch einmal in allen Einzelheiten
    und werde dir aller damit zusammenhängenden Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle in dieser Situation bewusst.
  • Versuche auch, die von allein auftauchenden Bewertungen und Urteile zu registrieren: Aussagen, innere Dialoge und urteilende Zuschreibungen wie blöd, geizig, unachtsam, unmöglich usw.
  • Nimm dabei auch mögliche Veränderungen in den Körperempfindungen, Assoziationen und Emotionen wahr.
  • Wenn es für dich passt, kannst du jedes auftauchende Urteilen mit dem “Etikett” Bewertung versehen und versuchen, es akzeptierend loszulassen.
  • Beende die Übung nach deinem Gefühl, indem du mit deiner Aufmerksamkeit noch für einige Momente bei deinem Atem bleibst.

Letztlich ist alles eine Frage von Bewusstsein

Blicken wir mit einem weiten Winkel auf unser Leben, dann können wir erkennen, dass es ein Leben ohne Bewerten nicht gibt. Wir werten fortwährend. Ich habe es zum Beispiel in der Headline und in der Überschrift “Falsche Fährten” getan. In voller Absicht. Einfach, weil diese Aussagen knackig auf den Punkt brachten, was ich ausdrücken wollte.

Wie schon gesagt, geht es nicht darum, jegliche Form von Bewertung zwanghaft zu vermeiden. Es geht um Bewusstsein. Wir sollen merken, wenn wir bewerten, urteilen oder moralisch verurteilen. Und wir sollten die Auswirkungen unseres Tuns bedenken und bereit sein, die Konsequenzen zu tragen.

© Doris Kirch, 2019


Achtsamkeitstrainer