Ein tiefes Verständnis von Schmerzen in der Meditation

Schmerzen beim Meditieren sind normal. Aber Schmerzen sind nicht gleich Schmerzen. Die Schmerzen, die bei längeren Sitzperioden, zum Beispiel im Retreat auftauchen, sind eine besondere Betrachtung wert. Ihr Verständnis kann von großem Wert für die Entwicklung der Meditationspraxis sein.


Teil III einer Trilogie zum Thema Schmerzen in der Meditation


Ursachen von Schmerzen in der Meditation

Zunächst einmal können Schmerzen anatomische Ursachen haben. Unsere bewegungsarme Lebensweise führt zu Verkürzungen von Bändern, Sehnen und Muskeln. Bestimmte Meditationshaltungen, wie der volle oder halbe Lotussitz können deshalb von den meisten Menschen nicht eingenommen werden.

Körperliche Schmerzen können somatisch, neuropathisch oder viszeral bedingt sein und als Begleiterscheinungen von Erkrankungen oder Verletzungen auftreten. Von diesen Schmerzen soll hier nicht die Rede sein. Wir wollen uns mit Schmerzen beschäftigen, die psychischen beziehungsweise energetischen Ursprungs sind.

Aus der Schmerzforschung wissen wir heute, dass Schmerz und Psyche eng zusammenhängen. Gedanken und Gefühle haben einen direkten Einfluss auf das Schmerzgeschehen; kein Schmerz spielt sich ausschließlich auf körperlicher Ebene ab.


Unterdrückte Emotionen durch unverarbeiteten Stress

Als menschliche Spezies sind wir mit einem Stress-Alarm-System ausgestattet, das zu archaischen Zeiten unser Überleben sichern sollte. Im gewöhnlichen Alltag sehen uns kaum noch realen Bedrohungen unseres Lebens gegenüber. Dennoch ist das Stress-System heute aktiver als zu Anbeginn der Menschheit.

Die Säbelzahntiger unseres modernen Lebens sind zum Beispiel: 100 E-Mails am Tag, drohender Arbeitsplatzverlust, Leben mit Niedriglohngehalt, fortwährende Tempoerhöhung und Komplexitätssteigerung, Arbeitsüberlastung oder Umweltlärm. Zum einen wird das Stress-System dadurch in einem permanenten Alarmzustand gehalten; zum anderen haben wir selten die Möglichkeit, zu kämpfen oder zu flüchten.

So bleibt der Mensch des sozialisierten, bewegungsarmen Informationszeitalters häufig mit einem hormonüberfluteten Körper zurück. Die damit zusammenhängenden Emotionen werden unterdrückt und manifestieren sich in muskulären Verspannungen.


Körperpanzer durch Gedanken

Gedanken und Gefühle erzeugen Spannungen im Körper. Diese Tatsache ist nicht neu. Bereits der Psychoanalytiker und Freud-Schüler Wilhelm Reich (1897-1957) hatte erkannt, dass psychische Komplexe ihre Entsprechungen im Körper haben. Er identifizierte sieben Bereiche im Körper („Körperpanzer“), in denen sich bevorzugt Spannungen aufbauen.

Werden diese Spannungen gelöst, geht das häufig mit intensiven emotionalen Gefühlsausdrücken einher. Sobald eine Blockade beseitigt ist und die Energie wieder frei fließen kann, tritt spontan ein Gefühl von Entspannung, Weite und Frieden ein.


Körper als Spiegel von Psyche und Seele

Auch die diagnostisch-therapeutischen Verfahren Kinesiologie und Psychokinesiologie arbeiten auf der Basis dieser Erkenntnisse: Alle Erfahrungen, die wir jemals gemacht haben, Traumen, die wir durchlebt haben, unbewusste Glaubenssätze, unheilsame Denkmuster und Überzeugungen spiegeln sich in der Muskulatur, im Nervensystem und letztlich sogar im Zellbewusstsein wider.

Kinesiologische Verfahren verfolgen die psychisch-seelischen Ursachen, die ihren Ausdruck im körperlichen Geschehen haben, bis zu ihren emotionalen Wurzeln. Mit speziellen körperlichen Anwendungen lösen Behandler die Blockaden und bringen die gestaute körperliche Energie wieder zum fließen.


Schmerz als gestaute Energie

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) gilt Schmerz immer als eine Stagnation von Energie. Ziel der Schmerztherapie ist es demzufolge, die Blockaden aufzulösen und die Energie im Körper wieder ins Fließen zu bringen.

Energetische Blockaden können eine Vielzahl von Ursachen haben. Sie können die Folge oder Nebenwirkung von Erkrankungen auftreten oder bewegungs- bzw. ernährungsbedingt sein. Im Zusammenhang mit den Schmerzen, die während längerer Meditation auftauchen können, wenden wir unseren Blick auf die Energieblockaden, die durch unsere Gedanken und Gefühle entstehen.



Was in der Meditation geschieht

Die Spannungen, die Gedanken und Gefühle im Körper erzeugen, wirken bis in die kleinsten Kapillargefäße. Wenn wir in der Meditation Körper und Geist zur Ruhe bringen, kommt gewissermaßen Bewegung in die Sache. Es heißt, in der Meditation haben wir große Kraft, die Dinge anzunehmen, wie sie sind. Die Ruhe des Körpers und die Stille des Geistes scheinen eine ordnende Wirkung auf die Inhalte unserer Psyche zu haben.

Wenn wir in der Stille und Bewegungslosigkeit sitzen, werden wir mit der gesamten Bandbreite unseres Seins konfrontiert. Der Schmerz, den wir spüren (vor allem beim langen Sitzen), scheint bisweilen jede Körperzelle zu ergreifen. Wie zuvor beschrieben, erfahren wir hier eine Konfrontation mit allem, was noch unerlöst in uns schlummert.

Die Spannungen, die durch das Unerlöste hervorgerufen werden, sind auch im Alltag präsent. Aber da wir uns im Alltag bewegen und fortwährend abgelenkt sind, ist uns ihr Schmerz nicht oder nur wenig bewusst.


Richtige Meditationshaltung zum Vermeiden von Schmerzen

Wenn wir also von der Grundannahme ausgehen, dass die Schmerzen, die wir beim Meditieren erleben, psychisch-seelischen Ursprungs sind, stellt sich die Frage, wie wir damit umgehen.

Schauen wir uns zunächst die „richtige“ Meditationshaltung an, mit der unnötige Schmerzen vermieden werden sollen. Bereits in Jahrtausende alten yogischen Schriften finden wir Anleitungen für Meditationshaltungen. Auch hier steht der Gedanke des freien Energieflusses im Fokus. Die Haltung des Körpers in der Meditation sollte die geistige Arbeit nicht behindern, sondern unterstützen.

Als perfekte Meditationshaltung gilt die sogenannte Sieben-Punkte-Meditationshaltung, auch bekannt als die „Haltung des Vairocana mit sieben Merkmalen“. Sie basiert auf der Erkenntnis, dass Geist und Körper eine Einheit bilden, voneinander abhängig sind und sich gegenseitig beeinflussen.


Ein Schüler ging zu seinem Lehrer und sagte: „Meine Meditation ist schlecht. Ich bin dauernd abgelenkt, denke an alles Mögliche, meine Glieder tun weh und ich schlafe ständig ein.“ Der Lehrer antwortete: „Das geht vorbei.“
Kurze Zeit später war der der Schüler wieder da und sagte zu seinem Lehrer: „Meine Meditation ist herrlich, ich bin vollkommen klar, konzentriert und im Frieden.“ Der Lehrer entgegnete: „Das geht vorbei.“

Aus dem Buddhismus


Wenn das Bewusstsein auf den Winden reitet

In tibetisch-buddhistischen Geistesschulungen wird beschrieben, dass im Körper Energieströme („Winde“) fließen, die mit verschiedenen Bewusstseinsebenen verbunden sind. Aus diesen Winden erhält das Bewusstsein die Kraft, sich mit einem Erkenntnisgegenstand zu beschäftigen. Das Bewusstsein lenkt den Geist in bestimmte Richtungen und die Winde sorgen dafür, dass er sich dorthin bewegt.

Aus diesem Grund werden Bewusstsein und Wind Pferd und Reiter genannt. Sie brauchen einander und sind voneinander abhängig. Nur dann, wenn die Energien nicht durch eine ungünstige Körperhaltung blockiert sind, sondern ungehindert fließen, kann das Bewusstsein auf den Winden reiten.


Meditationshaltung: Von der Theorie zur Realität

So weit die Theorie. Sie trifft ganz sicher zu, wenn jemand in jungen Jahren mit der Meditation beginnt. Der Körper ist noch weich und biegsam und kann sanft an diese Haltung gewöhnt werden. Beginnt ein Mensch jedoch in fortgeschrittenem Alter, ist nicht nur die Beweglichkeit eingeschränkt, es haben sich über Jahrzehnte spezifische Haltungsmuster, auch „Embodiments“ genannt, herausgebildet.

Ich habe im Laufe meiner über dreißigjährigen Meditationspraxis immer wieder Meditationslehrer erlebt, die während des Meditierens herumgegangen sind und versucht haben, die Sitzenden in die „richtige“ Position zu drücken und zu biegen.


Der Körper lässt sich nicht zwingen

Immer wieder ist mir dabei aufgefallen, dass der Körper der Korrigierten binnen kürzester Zeit wieder in die ihm eigene gewohnte Haltung zurückgefunden hatte. Es scheint also weder hilfreich noch zielführend zu sein, dem Körper von außen eine bestimmte Meditationshaltung aufzuzwingen.

Meditierenden wird oft gesagt, sie säßen nicht richtig, wenn sie über Schmerzen klagen. Doch auch diese Theorie scheint auf wackeligen Füßen zu stehen, denn ich habe des Öfteren Meditierende erlebt, die geradezu perfekt saßen und bei denen während längerem Sitzen dennoch starke Schmerzen auftraten.


Unsere Aufgabe ist es nicht, ‚perfekte Meditierende‘ aus unseren Teilnehmern zu machen.“

Jon Kabat-Zinn


Den Körper die rechte Meditationshaltung finden lassen

Wenn gesagt wird, dass eine „falsche“ Sitzhaltung ursächlich für Schmerzen sein kann, dann stimmt das in gewisser Weise. Aber anders, als die meisten glauben, denn eine „richtige“ Haltung kann dem Körper nicht von außen aufgezwungen werden.

Nach meiner Erfahrung geht es darum, die „rechte“ Haltung aus dem Körper selbst entstehen zu lassen. Das kann eine Haltung sein, die von außen betrachtet wenig hilfreich ist, mit der der Meditierende jedoch bestens klar kommt.

Wenn der Körper in seine individuelle „richtige“ Meditationshaltung finden darf, können die Schmerzen während des Sitzens auf einem erträglichen Maß gehalten werden – und oft verschwinden sie auch ganz.


Wenn wir unseren Fokus weich und freundlich auf dem atmenden Körper halten, seiner Weisheit vertrauen und alle Ideen vom ‚richtigen‘ Sitzen loslassen, kann es geschehen, dass der Körper in seine Haltung findet und sich alle Schmerzen auflösen.“

Doris Kirch


Den Schmerz zu akzeptieren, löst ihn auf

Was diese These stützt, ist eine Erfahrung, die mir aus dem längerem Sitzen in Retreats vertraut ist: Es ist möglich, Schmerzen in der Meditation „durchzusitzen“.

Was sich anhört, wie eine masochistische Übung, ist in Wirklichkeit das Resultat eines tiefen inneren Loslassens, das nicht willentlich herbeigeführt werden kann. Im Gegenteil: je mehr man das Loslassen anstrebt, je mehr man sich anstrengt, umso stärker können die Schmerzen werden.

Eine Teilnehmerin sagte mir im Einzelgespräch während eines Stille-Retreats, dass sie verzweifelt versuche, ihre Schmerzen loszulassen. Diese Aussage brachte ihren Widerwillen gegen ihre Erfahrung des Schmerzes zum Ausdruck und ihren starken Wunsch, ihn zum Verschwinden zu bringen. Aber so funktioniert das eben nicht. Ich riet ihr, das Loslassen loszulassen. Danach wurden die Schmerzen weniger.

Dieses Sich-in-den-Schmerz Ergeben, die vollständige Akzeptanz des Schmerzes im gegenwärtigen Moment, erscheint mir manchmal wie ein innerer Dammbruch. Die Akzeptanz durchflutet alle Winkel meines Seins wie eine warme Welle, die ein umfassendes inneres Loslassen auf allen Ebenen meines Seins nach sich zieht.

Allerdings möchte ich auch nicht verheimlichen, dass diesem Dammbruch viele Stunden innerer Auseinandersetzungen vorangegangen sind, in denen ich mit meinen Widerständen gerungen habe.



Schmerzen in der Meditation durch den Atem auflösen

Manchmal können wir beim Meditieren bemerken, dass ein Gedanke Körperspannungen nach sich zieht. Zum Beispiel im oberen Rücken. Wir können solche Spannungen lösen, indem wir uns mit dem Ausatmen in den Schmerz hineinentspannen.

Bei großen Muskeln funktioniert das gut. Die tiefliegende Muskulatur zum Beispiel in den Kapillargefäßen, ist jedoch nicht so einfach anzusprechen.  Oft bleibt deshalb ein Restschmerz bestehen.

Bei Schmerzen wird von Meditationslehrern oft empfohlen, in den schmerzenden Bereich hineinzuatmen. Obwohl dieser Hinweis grundsätzlich hilfreich ist, erlebe ich oft, dass Meditierende diese Anleitung als eine Aufforderung zum „Wegmachen“ verstehen – was die Verspannung eher noch vertieft.


Wie kann man Schmerzen beim Meditieren auflösen?

Der Atem kann auf eine indirekte Weise zur Vermeidung oder Lösung von Schmerz beitragen – und zwar in Verbindung mit der Körperhaltung. Dazu lässt man sich den Körper mit jedem Atemzug „aus dem Atem heraus aufrichten“. Es geht hierbei nicht um eine grundsätzlich „richtige“ Sitzhaltung, sondern um eine Haltung von Moment zu Moment, von Atemzug zu Atemzug.

Auf diese Weise wird eine starre Haltung vermieden, die durch die Anleitung des unbeweglichen Sitzens in der Meditation hervorgerufen werden kann. Denn oft lautet die Anweisung für Meditierende, die Haltung nicht zu verändern – und dann sitzen sie, als hätten sie ein Brett verschluckt. Das verstärkt die Muskelverspannungen zusätzlich.

Zum einen ist es richtig, dass die Ruhe des Körpers sich auf die Ruhe des Geistes auswirkt. Jeder Meditierende kennt die Erfahrung, dass körperliche Bewegung geistige Bewegung in Form von Gedanken nach sich zieht. Ständig auf seinem Kissen herumzurutschen, um eine schmerzfreie Position zu finden, ist tatsächlich wenig hilfreich.

Dennoch führt eine starre Position zu energetischen Stauungen und damit zu Schmerz.


Beweglich in der Bewegungslosigkeit sitzen

Es geht also vielmehr darum, „beweglich in der Bewegungslosigkeit zu sitzen“. Dieser subtile Vorgang ist mit Worten schwer zu beschreiben. Die Bewegung, die ich meine, ist von außen nicht zu bemerken. Sie entsteht vielmehr im Innen.

Nach meiner Erfahrung lässt sich eine entsprechende Anleitung am ehesten metaphorisch ausdrücken. Metaphern umgehen den Verstand und können dem Angeleiteten ein direktes Gefühl für das geben, was ausgedrückt werden soll.

Zum Beispiel gibt es eine Meditationsanleitung zur Haltung des Kopfes und die lautet: „Der Kopf thront auf dem Hals wie eine reife Ähre auf dem Halm.“

Versuchen Sie das einmal und Sie werden erstaunt sein, welch ein gutes Gefühl man dafür bekommt und wie viel Bewegung in einer scheinbar unbeweglichen Körperposition enthalten sein kann.


 Beugen Sie sich über Ihren Schmerz wie über ein Kind, das sie sanft streicheln möchten.“

Jack Kornfield


Ziellos zum Ziel

Ein Schlüssel zu einem heilsamen Umgang mit Schmerzen in der Meditation liegt nach meiner Erfahrung in der Verbindung von Körperhaltung, Akzeptanz und Atem. Der Atem spielt dabei eine zentrale Rolle.

Er verkörpert das lebendige Wechselspiel des Lebens zwischen Werden und Vergehen. Mit jedem Einatmen entspannen wir uns in den Körper hinein, und lassen ihn sich von innen her aufrichten. Und mit jedem Ausatmen lassen wir los, indem wir alle Erfahrungen unserer Realität in diesem Moment vorbehaltlos annehmen.

Voller Vertrauen überantworten wir uns dem Rhythmus des Lebens. Ganz bewusst, in jedem Atemzug. Wir gehen dem Körper aus dem Weg, überlassen uns seiner Weisheit und finden mit jedem Atemzug unseren Platz im Leben. Wir geben dem Körper die Freiheit, auf den Wellen des Atems zu reiten, ohne Absicht, ohne Ziel.

In diesem Zustand anzukommen, ist das Resultat einer intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst, während wir auf dem Kissen sitzen. Es ist der Moment, in dem wir eine tiefe Entspannung bis in die letzte Zelle fühlen können – und dieser freie Fluss von Energie nimmt alle Schmerzen beim Meditieren mit sich.


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