„Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“, sagte Martin Luther. Tatsächlich gehören Tod, Sterben und Verluste unausweichlich zu unserem menschlichen Dasein. Obwohl das so ist, sind wir wenig auf den Umgang mit Vergänglichkeit und Trauer vorbereitet. Durch diesen Beitrag aus der Perspektive der Achtsamkeit findest du zu einem mitfühlenden, heilsamen Umgang mit Schmerz  und Trauer.

Prädestiniert für den Tod: Meine Begegnungen mit Thanatos

Thanatos ist der Gott des Todes aus der griechischen Mythologie. Er ist mir zweimal begegnet: Einmal im Zuge eines anaphylaktischen Schocks und einmal während eines mysteriösen „3-Tage-Fiebers“, in welchem meine Körpertemperatur mehrmals Grade erreichte, in denen ich das Bewusstsein verlor und „das Licht“ sah.

Ich ging verändert aus diesen Erfahrungen hervor. In beiden Situationen war mir völlig bewusst, dass ich gerade im Begriff bin, die Schwelle des Lebens zu verlassen. Seltsamerweise machte mir das keine Angst.

Auch vor Verlusten hat mich das Leben nicht bewahrt: Ich habe ein Kind verloren, ein Kind nach einer Operation beinahe verloren und ein Enkelkind verloren. Es gibt wohl kaum etwas Schmerzhafteres, als das eigene Kind ab Grab seines Kindes zu sehen.

Ob ich weiß, was Trauer und Verlustschmerz sind? Ja, das weiß ich.

Totenvogel

Es war wohl fast unausweichlich, nach diesen Erlebnissen eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin im örtlichen Hospizdienst zu absolvieren und Menschen in ihren letzten Stunden und im Übergang vom Leben zu Tode beizustehen. Meine Freunde nannten mich fortan liebevoll „Totenvogel“.

Ich lernte viel: Über mich, über das Leben und über das Sterben. Ich wühlte mich durch etliche Bücher und holte das elterliche und gesellschaftliche Versäumnis nach, mich auf den Tod als Teil des Lebens vorzubereiten.

Dem Tod begegnen und das Leben finden

Die Auseinandersetzung mit Sterben, Verlust und Trauer war (und ist) für mich zutiefst erfüllend. Und das ist weniger morbide, als es sich anhört. Im Gegenteil: Mich dem Tod bewusst und furchtlos zuzuwenden und herauszufinden, was er mich zu lehren hat, führte mich tiefer ins Leben.

Für mich hat die Beschäftigung mit meinen Ängsten und meinem Schmerz schon lange nichts Bedrohliches mehr. Eher etwas Kathartisches. Es sind mächtige Gefühle mit einem hohen Potenzial, sich lebendig zu fühlen.

Tod und Trauer aus buddhistischer Sicht

Trauer: Ein Thema mit vielen Gesichtern

Hat nicht bereits die Sichtweise, aus Tod und Verlusten lernen zu können, etwas Heilsames? Aber sich solch einem mächtigen Thema zuzuwenden, braucht eine gewisse Vorbereitung – und solch eine Vorbereitung finden wir in der Praxis der Achtsamkeit. Durch sie lernen wir, nicht in Trauer und Kummer zu versinken. Andererseits bagatellisiert sie den Schmerz auch nicht.

Bevor ich auf die praktische Anwendung von Achtsamkeit und Trauer eingehe, möchte ich ein paar grundlegende Gedanken und Erfahrungen mit dir teilen.

Trauer hat viele Gesichter. Wir trauern um Menschen, um geplatzte Hoffnungen und Träume und um Ziele, die wir nicht mehr erreichen werden. Ein anderer Aspekt ist die Trauer um uns selbst, wenn wir sehen, wie unsere Jugend, Schönheit und Gesundheit vergehen.

Und möglicherweise haben wir uns sogar mit der Aussicht des nahen eigenen Todes auseinanderzusetzen. Jeder dieser Aspekte hat solch eine elementare Bedeutung, dass man über jeden einzelnen ein ganzes Buch schreiben könnte.

Moderne Menschen mit verklemmter Beziehung zum Tod

Über den Tod wird meistens geflüstert. Wir haben in unserer „modernen“ Gesellschaft eine ziemlich verklemmte Beziehung zu allem, was mit Tod und Sterben zu tun hat.

Elisabeth Kübler-Ross wollte das ändern. Die bekannte Sterbeforscherin hatte ihr Leben dem Tod geweiht und zahlreiche Bücher darüber geschrieben. Zum Beispiel Interviews mit Sterbenden oder Verstehen, was Sterbende uns sagen wollen.

Kübler-Ross wollte an ihrem Wohnort in Arizona ein Hospiz für aidskranke Kinder errichten und stieß auf den erbitterten Widerstand ihrer Mitmenschen. Sie ließ nicht locker; daraufhin wurde ihr Haus bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

Spannender als jeder Krimi war für mich ihre Autobiografie Das Rad des Lebens.

Sich der Trauer zuwenden

Angst haben wir nur vor dem Unbekannten. Deshalb lautet meine liebevolle Ermunterung: Schau nicht weg. Schau hin. Schau genau hin. Ergründe die Trauer und den Schmerz.

Suchst du angesichts von Verlust und Trauer Trost, dann hole dir Unterstützung bei denen, die sich damit auskennen. Du kannst dich auch dann an einen ambulanten Hospizdienst wenden, wenn es „nur“ um die dir nahestehendste Person geht: dich selbst.

Zur Vorbereitung dieses Beitrags schaute ich, was im Internet zu den Themen Tod, Sterben, Verlust, Trauer und Vergänglichkeit zu finden ist. Es ist eine Menge. Leider bagatellisieren, trivialisieren und intellektualisieren viele Beiträge und Zitate diese großen Themen.

Die Zeit heilt eben nicht alle Wunden, „sie lehrt nur mit dem Unbegreiflichen zu leben“, wusste schon Rainer Maria Rilke. Viele Beiträge sind beredte Zeugnisse der eigenen Hilflosigkeit des jeweiligen Autors; wirklich hilfreich für einen Leidenden sind sie oft nicht.

Deshalb ist es wichtig, sich mit seinem Kummer und seinem Schmerz an Menschen zu wenden, die ausgebildet und erfahren darin sind, in solchen Situationen wirklich hilfreich zu sein.

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Achtsamkeit bei Trauer und Schmerz

Als Achtsamkeitslehrerin werde ich oft mit dem Leid anderer konfrontiert. Man erwartet tröstende Worte der Achtsamkeit von mir.

Am Bett von Sterbenden und angesichts großen Leids habe ich jedoch gelernt: Kein Wort, das ich sagen kann, vermag den Schmerz zu lindern. Schon gar nicht so etwas wie „Ich weiß genau, wie du dich fühlst.“ Nein, das weiß ich nicht. Ich kann nur Vermutungen darüber anstellen – aber die helfen auch nicht weiter.

Achtsame Präsenz

Was immer hilft, ist achtsames Präsentsein. Wenn mir jemand von seinem Kummer erzählt, fehlen mir meist die Worte vor Berührtheit. Gott sei Dank.

Denn nichts, was ich sage, kann die tiefe Trauer eines anderen lindern. Trauer ist ein höchstpersönlicher Prozess. Aber schweigend da zu sein, „den Riss auszuhalten„, zu fragen: „Kann ich irgendetwas für dich tun?“, kann hilfreich sein.

Achtsames Präsentsein in der Gegenwart eines anderen Menschen bedeutet, auch die eigene Traurigkeit zu spüren und zuzulassen. Es bedeutet, sich aller reaktiver Handlungen zu enthalten, die Situation irgendwie verdrängen oder bemänteln zu wollen. Im Zustand von achtsamer Präsenz sind wir uns auch unserer eigenen Körpergefühle, Emotionen und Gedanken gewahr.

Achtsames Atmen in der Trauer

Und für mich bedeutet achtsame Präsenz vor allem: zu atmen. Nur zu sitzen und mit dem leidenden Menschen zu atmen. Den Schmerz des anderen und meinen eigenen zu halten und ihm den Raum zu geben, den er braucht … der Himmel zu sein, an dem sich ein Gewitter austobt, ohne von Sturm, Regen und Donner berührt zu sein.

Radikale Akzeptanz

Ein Teil der achtsamen Präsenz in der Trauerarbeit ist die Haltung der Akzeptanz. Sie ist eine der Geisteshaltungen, die das Fundament der buddhistischen Achtsamkeitspraxis bilden.

Akzeptanz bedeutet nicht, die Situation gut zu finden, sondern anzuerkennen, dass sie ist, wie sie ist. Dazu gehört auch der Schmerz über den Tod oder den Verlust, sowie den Wunsch, dass alles anders sein möge (als es gerade ist).

 

Die heilsame Kraft achtsamen Trauerns

Trauer besitzt eine heilende Kraft! Ein Blick in die Mythologie erhellt diese Aussage. Im römischen Pantheon hat der Tod einen Namen: Es ist der Gott Pluto (griech. Hades). Pluto gilt als Gott der Unterwelt mit einer enormen Machtfülle. Er steht für Tod, Zerstörung und tiefste Krisen – und da macht er keine halben Sachen.

Gleichzeitig verkörpert Pluto jedoch auch den Prozess von Auferstehung, Reichtum – und Heilung und Regeneration. In der Astrologie heißt es: „Wo Pluto in unserem Horoskop steht, da erstehen wir aus der Asche neu auf … aber aus unserer eigenen Asche“. Es ist das Phönix-aus-der-Asche-Prinzip.

Auferstehen aus Trauer und Schmerz wie Phoenix aus der Asche

Wenn wir den dramatischen Verlusterfahrungen Plutos ausgesetzt sind, dann entfaltet sich sein großes Heilungspotenzial nicht dadurch, dass wir den Kopf in den Sand stecken.

Seine transformativen Kräfte wecken wir, indem wir den Mut aufbringen, mitten durchs Feuer zu gehen. Das ist mit Akzeptanz gemeint. Das meine ich, wenn ich dazu einlade, dem Schmerz nicht auszuweichen, sondern ihn tief zu fühlen, um seine Botschaft empfangen zu können.

Plutos Feuer ist ein heiliges Feuer. Es verbrennt uns nicht – es transformiert uns. Und sind wir einmal hindurchgegangen, sind wir klarer, stärker und weiser als jemals zuvor.

Deine eigenen Trauerrituale achtsam gestalten

Trauer ist nicht das Problem. Wenn du es als Verb (trauern) ausdrückst, kommst du dem Gefühl, dass es sich dabei um einen Prozess handelt, ein ganzes Stück näher. Dann kannst du erkennen, dass Trauer nicht das Problem, sondern die Lösung ist.

Jeder Mensch trauert anders

Wie trauerst du? Ich möchte dir keine Vorschläge machen, wie du trauern kannst. Es entspricht meiner inneren Überzeugung als Achtsamkeitslehrerin, dass du dieses Wissen bereits in dir trägst – und ich möchte dich ermuntern, es selbst herauszufinden.

Finde heraus:

  • Was gibt dir Kraft, mit Trauer und Verlust zu sein?
  • Wo findest du einen „Schutzraum“ für dich?
  • Gibt es Dinge, Menschen, Orte oder Rituale, die dir bei der Schmerzbewältigung helfen?
  • Kannst du einen guten Platz in deinem Leben für deine kostbaren Erinnerungen finden?

Selbstmitgefühl, dein Verbündeter in der Trauer

Egal, ob du um jemanden, um etwas oder um dich selbst trauerst: Selbstmitgefühl sollte immer Teil des Trauerprozesses sein. Wir vergessen oft, gerade dann gut zu uns zu sein, wenn wir es am meisten brauchen.

Beweint ein Freund einen Verlust, dann kümmern wir uns sanft, verständnisvoll, umsorgend und mitfühlend um ihm. Selbstmitgefühl bedeutet, uns dieselbe Gunst zu erweisen. Die Antwort auf Leid sollte immer Mitgefühl sein. Diese Regel gilt auch für uns selbst.

Vielleicht besteht die Heilung der Wunde des Verlustes darin, sich dem Selbstmitgefühl zuzuwenden. Vielleicht ist das ein möglicher „Tribut“, den Thanatos fordert.

Zitat Achtsamkeit, Sterben und Trauer

Übers Sterben reden

In der buddhistischen Tradition, in der ich zu Hause bin, gibt es viele Konzepte rund um Tod, Sterben, Verlust und Trauern. Das bekannteste Buch zu diesem Thema ist Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben.

Solche speziellen Lehren stehen immer im Zusammenhang mit den Konzepten von Wiedergeburt und Karma. Diese Konzepte sind hilfreich, wenn sie in einem Gesamtkontext vermittelt werden.

Für westliche Ohren sind sie unvertraut, bisweilen schwer verdaulich und dadurch oft nicht wirklich hilfreich. Ich erinnere mich an einen meiner buddhistischen Lehrer, der einmal sagte: „All das Gerede um Reinkarnation kann uns die Angst vor dem Tod nicht nehmen“.

Stirb, bevor du stirbst

In der buddhistischen Tradition, vor allem in der tibetischen, spielt die Vorbereitung auf den Tod eine herausragende Rolle. Es gibt zahlreiche Unterweisungen, Übungen und Meditationen, um sich mitten im Leben auf den Übergang in eine andere Seinsform vorzubereiten.

In der Achtsamkeitspraxis sind es vor allem die Haltung der Akzeptanz und das Bewusstsein der Vergänglichkeit, die hilfreich bei der Trauerarbeit sind. Vergänglichkeit (Anicca) ist eine Tatsache des Lebens: Alles Existierende wandelt sich fortwährend, wird (früher oder später) sterben oder in irgendeiner Weise enden.

Mit diesem Daseinsmerkmal des Lebens wird man durch die Praxis der Achtsamkeit unausweichlich konfrontiert. Erschließt sich die Tatsache des Wandels und der Vergänglichkeit durch die systematische Praxis der Achtsamkeit, lockert sich damit der Würgegriff des Schmerzes angesichts von Tod, Verlust und Sterben.

Natürlich ist der Schmerz noch da – aber die Wahrscheinlichkeit, von ihm überwältigt zu werden wird umso geringer, je tiefer die Achtsamkeitspraxis verinnerlicht ist.

Achtsamkeitsmeditation bei Trauer und Verlust

In der Achtsamkeitsmeditation haben wir große Kraft, die Dinge anzunehmen, wie sie sind. Von dem sicheren Ort unseres Meditationskissens aus können wir den Schmerz ergründen. Die Achtsamkeitsmeditation schenkt uns die Erkenntnis, dass wir mit dem Trauerschmerz sein können, ohne in ihm unterzugehen.

In meinen Zeiten von Kummer und Schmerz bei Tod und Verlusten war die Achtsamkeitsmeditation mein Refugium, mein „heiliger, stiller Rückzugsort“. Hier möchte ich dir eine Meditation anbieten, die Trost und Kraft in der Bewältigung von Trauer spenden kann.

Mögest du Trost und Kraft aus dieser Meditation ziehen.

 

© Doris Kirch