Achtsamkeit: So bleiben Sie dran!

Achtsamkeits-Übung

Mit der Achtsamkeitspraxis zu beginnen, ist nicht schwer. Dranzubleiben hingegen schon. Mit dieser Übung werden Sie Achtsamkeit erfolgreicher in Ihren Alltag integrieren.

Im Alltag achtsam zu bleiben, kann sich anfühlen, als würde man Wasser aus den Händen trinken: Man ist durstig aber noch bevor man sich satt getrunken hat, ist die Hälfte des Wassers unmerklich zwischen den Fingern hindurchgesickert. Jeder, der schon einmal an einen MBSR-Kurs oder  einem Achtsamkeits-Jahres-Training teilgenommen hat, kennt diese Situation: Man weiß zwar, worum es geht, hat gute Übungsanleitungen, ist voll motiviert und dennoch macht einem der „Affengeist“ immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Er beschäftigt sich lieber mit Dingen, die ihm weniger „schwierig“ erscheinen.

Mit dem Affengeist vertraut werden

Um unserem vergnügungssüchtigen Geist nicht auf den Leim zu gehen, ist es hilfreich zu verstehen, wie er funktioniert. Das wiederum findet man heraus, indem man ihn erforscht – was uns schon wieder direkt zur Achtsamkeitspraxis zurückbringt. Unser Kopf erzählt uns eine Menge Geschichten. Viele davon dienen nicht den Zwecken, die wir eigentlich verfolgen wollen. Deshalb ist es wichtig, uns beim Denken zuzuschauen und eine Wahl zu treffen, was wir von unserer gedanklichen Kopfkirmes glauben wollen und was nicht.

Der Kopf produziert auch gerne Geschichten über Achtsamkeit. Eine dieser Geschichten ist, die Achtsamkeitspraxis sei zu anstrengend. Es sei schrecklich ermüdend, den ganzen Tag über achtsam zu sein. Unseren Gedanken gegenüber eine gesunde Skepsis zu hegen, erweist sich auch hier als hilfreiche Strategie, denn wenn man den Wahrheitsgehalt dieser Aussage überprüft, kann man feststellen, dass er nicht den Tatsachen entspricht.

Der Flow der Achtsamkeit

Lassen Sie uns das erforschen: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie achtsam sind? Wenn Sie sich ganz auf eine Sache einlassen? Wenn Sie dem, was Sie gerade tun, Ihre ganze Aufmerksamkeit schenken? Wenn Sie dieser Tätigkeit die Zeit geben, die sie natürlicherweise braucht? Wenn Sie sich mit all Ihren Sinnen Ihrem Tun hingeben? Genau. Das fühlt sich richtig gut an!

Der Psychologie Mihaly Csikszentmihalyi hat diesen Zustand als Flow beschrieben, als optimale Erfahrung; ein Zustand von Leichtigkeit und Glück. Er tritt immer dann ein, wenn wir vollständig im gegenwärtigen Moment sind, wenn wir fokussiert sind auf das, was wir gerade tun. In diesen Momenten gibt es keine Entropie (Unordnung) im Geist, nichts, gegen das er sich zur Wehr setzen müsste. Ein friedlicher, zufriedener Zustand eines heiteren, gelassenen Gewahrseins.

Lernen Sie unser Achtsamkeits-Jahrestraining kennen

Keine Angst vor Achtsamkeit

Die Idee, Achtsamkeit sei anstrengend, entsteht aus einem inneren Überforderungsgefühl, das auftritt, wenn wir daran denken, den ganzen Tag über achtsam zu sein. Angesichts dieser scheinbaren Herkulesaufgabe kommen ganz natürlich Versagensängste auf. Bei genauerer Untersuchung können wir jedoch sehen, dass sich diese unangenehmen Gefühle auf imaginäre, in der Zukunft liegende Phantasien beziehen, die auf die Achtsamkeitspraxis als solches übertragen werden. Das Unbehagen richtet sich also nicht auf die Praxis der Achtsamkeit, sondern auf die vom Gehirn imaginierten Zukunftsängste.

Wahrnehmen was geschieht

Wenn wir das nicht erkennen – und das meint nicht, kognitiv verstehen, sondern in der eigenen Realität erforschen – wird die Achtsamkeit vom Gehirn unterhalb unserer Bewusstseinsschwelle als bedrohlich eingeordnet. Ordnet unser Gehirn etwas als Bedrohung ein, sorgt es für die Ausschüttung von Stresshormonen und dafür, dass wir den „Stressor“ künftig meiden.

Unser Gehirn ist ein echter Trickster. Hilfreich bei der Bewältigung unseres Alltags schickt es uns oft auf Fährten, die sich als Sackgasse auf unserem Weg zum Glücklichsein erweisen. Deshalb ist die achtsame Erforschung unserer Gedanken, Gefühle und Handlungen so wichtig: Jenseits von unbewussten Grundannahmen und automatischen Denkvorgängen bringt uns die Achtsamkeit mit der Realität in Kontakt. Wir können sehen, was wirklich geschieht, noch während es geschieht.

Neues in Gewohntem entdecken

Vielen fällt es leicht, die Achtsamkeit auf Verrichtungen zu lenken, die sie als angenehm oder zumindest als interessant empfinden. Leider besteht unserer Alltag zu einem hohen Maß an Routinen und Dingen, die wir uninteressant finden oder gegen die wir sogar eine Abneigung empfinden. Gewöhnlich sind wir nicht geneigt, unsere Aufmerksamkeit auch noch ganz bewusst auf das Ungeliebte zu richten. Es sind jedoch genau diese Verrichtungen und Aufgaben, die ein hohes Potenzial zum Entwickeln von Achtsamkeit beinhalten.

In wissenschaftlichen Untersuchungen wurde festgestellt, dass Achtsamkeit sich verflüchtigt sobald uns etwas widerstrebt oder wir es schlicht langweilig finden. Daraus resultierte eine wesentliche Erkenntnis: Ein Merkmal für das Aufrechterhalten eines achtsamen Bewusstseinszustandes ist, sich dem Objekt der Untersuchung mit Neugierde anzunähern und immer wieder etwas Neues darin zu entdecken.

Ungewöhnliche Achtsamkeits-Übung

Um also die Achtsamkeit in Ihrem Alltag zu fördern, schlage ich Ihnen die folgende Übung vor:

Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit heute bewusst auf etwas, das Sie langweilig/entbehrlich finden oder das Sie nicht mögen. Geschirrspülen, Wäscheaufhängen, Warten, Hausaufgaben mit den Kindern machen, Blätterharken im Garten, Steuererklärung, mit dem Partner Fußball gucken oder etwas Ähnliches.

Hier sind ein paar Vorschläge als Leitfaden für diese achtsame Erforschung:

  • „Habe ich diese Handlung in eine Kategorie gesteckt?“
  • „Welche Vorstellungen sind für mich damit verbunden?“
  • „Was sind meine Gedanken über diese Tätigkeit?“
  • „Sind mir diese Gedanken vertraut?“
  • „Woher weiß ich, dass das wahr ist?“
  • „Gibt es auch eine Wahrheit in der gegenteiligen Aussage?“
  • „Was kann ich in dieser Handlung über mich herausfinden?“
  • „Hat diese Handlung auch angenehme/positive Aspekte, die mir bisher entgangen waren?“
  • „Kann ich in dieser Handlung etwas Interessantes, Neues, Ungewöhnliches finden, das ich bislang übersehen habe?
  • „Wie erlebe ich diese Handlung, wenn ich mich von allen Gedanken befreie, die ich darüber habe?“
  • „Wer bin ich in dieser Handlung ohne meine Gedanken darüber?“
  • „Was habe ich durch diese Erforschung über mich herausgefunden?“

Achtsamkeits-Tagebuch als Helfer

Führen Sie ein Achtsamkeits-Tagebuch, in dem Sie abends Ihre Erfahrungen stichwortartig notieren. Das Aufschreiben kann noch einmal zu einer vertieften inneren Auseinandersetzung und zu neuen Erkenntnissen führen.

Mögen diese Zeilen Ihnen helfen, Ihre Achtsamkeit tiefer im Alltag zu verankern.

© Doris Kirch