Hunde erfreuen sich in Deutschland steigender Beliebtheit. Parallel dazu steigt bei Hundehaltern und Hundetrainern das Interesse an Achtsamkeit. Wer in Achtsamkeit ein neues Tool sieht, um seinem Tier etwas beizubringen, darf sich jedoch auf eine Überraschung gefasst machen. Denn im Achtsamkeitstraining ist der Hund der bessere Lehrer.

Achtsamkeit und Hund: Ein neuer Trend

Wenn ich Hundehalter frage, warum sie sich für Achtsamkeit interessieren, dann sind dies die häufigsten Antworten:

Ich möchte

  • eine tiefere Beziehung zu meinem Hund aufbauen.
  • mein Tier besser verstehen und sensibler für seine Bedürfnisse werden.
  • dass mein Hund mehr das macht, was ich von ihm will.
  • meinem Vierbeiner mehr Aufmerksamkeit schenken.
  • meinen Hund in meine eigene Achtsamkeitspraxis integrieren, um sie zu vertiefen

Erfreulich ist, dass die wenigsten Hundebesitzer Achtsamkeit als „Manipulations-Tool“ instrumentalisieren wollen. Das funktioniert sowieso nicht.

Achtsamkeit mit Hund

Hunde sind verkörperte Achtsamkeit

Nicht überall, wo Achtsamkeit draufsteht, ist auch Achtsamkeit drin

Um sich die Achtsamkeitspraxis für sich selbst und seinen Vierbeiner zu erschließen, ist es wichtig, zunächst einmal zu verstehen, was Achtsamkeit wirklich ist. Viele Hunderatgeber, Hundeblogs und Hunde-Internetseiten, die das Thema aufgreifen, vermitteln nämlich ein falsches Bild von Achtsamkeit.

Achtsamkeit ist mehr, als seinem Hund aufmerksam über den Kopf zu streicheln

Aufgrund mangelnder Fachkenntnisse über diese Jahrtausende alte buddhistische Tradition wird Achtsamkeit häufig als ein anderes Wort für Aufmerksamkeit verwendet. Aber sie ist weit mehr als das. Achtsamkeit beschreibt eine besondere Qualität des Geistes und des Herzens, die auf den sogenannten Haltungen der Achtsamkeit basiert.

Erfahre mehr über die Haltungen der Achtsamkeit →

Achtsamkeit kann man sich nicht anlesen

Achtsamkeit bedeutet, das, was in einem und um einen herum geschieht, in einer freundlichen und wertfreien inneren Haltung wahrzunehmen. Das ist „einfach aber nicht leicht“, wie Praktizierende sagen.

Es braucht braucht ein systematisches Achtsamkeitstraining über einen längeren Zeitraum, um Achtsamsein zu verstehen, umzusetzen und zu leben.

Wenn der Hund der Lehrer ist

Achtsam zu sein bedeutet zunächst einmal präsent zu sein – mit den Gedanken weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Ein achtsamer Mensch hat seine Absichten zwar im Blick aber er ist nicht zielfixiert. Viel mehr als am Ergebnis ist er am Prozess selbst interessiert.

Also statt beim Hundetraining ständig darauf zu schielen, dass der vierbeinige Partner seine Lektionen versteht und direkt umsetzt, geht es darum, Freude, Inspiration, Bewegung an frischer Luft und das Miteinander zu genießen.

Was du von deinem Hund über Achtsamkeit lernen kannst

Die achtsame Beobachtung beschränkt sich nicht auf den Hund, sondern umfasst auch die eigene Person: „Wo schweife ich mit meinen Gedanken ab?“, „Wo bin ich ungeduldig oder gereizt – und warum?“. Wenn wir mit Achtsamkeit bei der Sache sind, können wir viel über uns selbst herausfinden; der Hund ist ja oft einfach nur ein Spiegel dessen, was in uns selbst vorgeht.

„Ich habe mit mehreren Zen-Meistern gelebt – sie waren alle Katzen.“ Dieses Zitat von Eckhart Tolle lässt sich auch auf Hunde anwenden. Sie verkörpern perfekt die Haltungen der Achtsamkeit, denn sie kennen nur eine Zeit und nur einen Ort: Hier und Jetzt. Sie grämen sich nicht wegen gestern und hängen nicht in sorgenvollen Gedanken auf morgen fest.

Lernen, was es bedeutet, vollständig präsent zu sein

Von Hunden können wir lernen, was es bedeutet, voll und ganz unsere Sinne in Besitz zu nehmen: Wirklich zu hören, wenn wir hören, wirklich zu riechen, wenn wir riechen, wirklich zu fühlen, wenn wir fühlen und so weiter. Schau deinem Hund achtsam zu, wie er in der Sonne liegt oder wie sehr er sich über etwas freuen kann – und lerne, was es bedeutet, vollkommen lebendig zu sein.

Achtsamkeit mit Hund fängt beim Menschen an

Du lehrst deinen Hund Impulskontrolle. Wie sieht es mit deiner aus? Durch Achtsamkeit lernst du, einen Unterschied zwischen einem Reiz und deiner Reaktion darauf zu machen. Erkennst du die Parallele? 😉 Wie wäre es, wenn ihr gemeinsam praktiziert?

Hunde und Achtsamkeit

Gemeinsam mit seinem Hund Achtsamkeit praktizieren

Achtsamkeitsübungen mit Hund

Wenn du meine Ausführungen über Achtsamkeit verstanden hast, wird es dich nicht wundern, wenn du an dieser Stelle keine Achtsamkeitsübungen für deinen Hund findest. Im Internet wird dazu allerlei angeboten:

Achtsamkeitsübungen für Hunde in Form von Kartensets, Achtsamkeitsspaziergänge für Hunde-Menschen und Achtsamkeitstipps zum fachgerechten Streicheln, damit dein vierbeiniger Partner sich richtig entspannt.

Das ist alles nett, hat aber mit der traditionellen „echten“ Achtsamkeitspraxis wenig zu tun.

Ein gutes achtsamkeitsbasiertes Hundetraining

Ein achtsamkeitsbasiertes Hundetraining wird auf sanfte Weise die Beziehung zwischen dir und deinem Hund verbessern. Und es wird deine Beziehung zu dir selbst verbessern. Du wirst feststellen, dass sich einige der Probleme, die du mit deinem Tier hast, wie von selbst lösen.

Bewirken können so etwas nur Hundetrainer/innen, die eine lange und intensive Achtsamkeitstrainer-Ausbildung absolviert haben und selbst Achtsamkeit praktizieren (dazu gehören tägliche Achtsamkeits-Meditation und regelmäßige Achtsamkeits-Retreats).

Trau dich, intensiv nachzufragen

Wenn du Interesse daran hast, im Hundetraining mit der traditionellen Achtsamkeitspraxis zu arbeiten und neben den Erfolgen für deinen Hund auch viel für dich selbst herauszuholen, dann scheue dich nicht, intensiv nach der entsprechenden Ausbildung und Achtsamkeitspraxis zu fragen.

Möge sich die Achtsamkeitspraxis als glückerfüllend für dich und deinen Hund erweisen.

© Doris Kirch, 2022