Was ein Retreat ist und was es so wertvoll macht

Retreat Auszeit im Schweigen

10 Fragen über ein Retreat

Wer regelmäßig meditiert, interessiert sich früher oder später dafür, die Erfahrung von Stille zu vertiefen. Dazu bietet sich ein Retreat im Schweigen an, eine stille Auszeit in Achtsamkeit und Meditation. Aber was ist ein Retreat? Was bewirkt ein Retreat? Muss man ein Buddhist sein, um ein Retreat zu machen? Diese und weitere Fragen werden im folgenden Beitrag beantwortet.

Jeder Mensch braucht
ab und zu ein wenig Wüste.“
Seven Hedin

Themen, die jeden Retreat-Teilnehmer beschäftigen 

1. Definition: Was ist ein Retreat?

  • Ein Retreat (engl.: Rückzug) ist eine geplante Zeit der Zurückgezogenheit vom Alltag.
  • Im Allgemeinen dienen Retreats der inneren Einkehr und der Besinnung auf sich selbst und auf das, was im Leben wirklich wichtig ist.
  • Wesentliche Elemente von Retreats sind Meditation, Achtsamkeit, Selbsterfahrungs-Übungen, Reflexionen und vor allem Stille. Ein Retreat beinhaltet in der Regel längere Zeiten des Schweigens – sofern es nicht vollständig in Stille abgehalten wird.
  • Normalerweise umfasst ein Retreat eine längere Zeit der Zurückgezogenheit. Die gewöhnlichen Stille-Retreats umfassen sieben bis zehn Tage. Es gibt jedoch auch Retreats über mehrere Monate.
  • Der Ablauf einer Retreat-Auszeit folgt einer festen Struktur; er kann je nach Anleitendem und Tradition recht unterschiedlich sein.
  • Bei längeren Retreats verrichten die Übenden auch Arbeiten in Haus und Garten als Teil ihrer spirituellen Praxis.
  • Retreats sind vor allem in der buddhistischen Tradition und in der Yoga-Tradition weit verbreitet; man muss aber kein Buddhist oder Yogi sein, um ein Retreat zu besuchen.

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2. Wozu ist ein Retreat wichtig?

Ein Retreat ist wichtig, um wieder zu sich zu kommen. Im Taumel eines immer komplexer und temporeicher werdenden Lebens, verlieren wir leicht den Kontakt zu uns selbst. Und wenn wir den Kontakt zu uns selbst verlieren, verlieren wir uns in der Welt.

Wer vergessen hat, worum es im Leben geht und wofür er eigentlich lebt, dem schenkt ein Retreat den inneren Raum, sich wieder auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist.

Die Zeit der Zurückgezogenheit im Schweigen ermöglicht es, zur Besinnung zu kommen: Wieder die eigenen Gefühle fühlen und die eigenen Gedanken denken – Klarheit über sich selbst und sein Leben bekommen.

Die selbstgewählte Stille, das Nicht-Reden, die reduzierten Außenreize und der Mangel an Zerstreuungs- und Ablenkungs-Möglichkeiten beruhigen und klären den Geist und besänftigen das Herz.

Dieser Prozess ähnelt einem aufgewühlten See. Wollen wir unser Spiegelbild erkennen, muss sich die Oberfläche zunächst beruhigt haben. Und warten wir in Stille ab, bis sich das ganze Sediment gesetzt hat, wird es uns möglich, auf den Grund (unseres Seins) zu blicken.

Ein weiteres Bild für diesen Vorgang ist eine Schneekugel: Hält man nach dem Schütteln inne und wartet ab, beruhigt, setzt und klärt sich alles wieder.

Im Retreat und in Stille zur Ruhe kommen

Die nächsten Retreat-Termine

3. Brauche ich ein Retreat, wenn ich regelmäßig meditiere?

Regelmäßig Retreats sind wichtig, um die tägliche Praxis der Sitzmeditation wieder mit neuer Kraft aufzuladen.

Jeder, der einmal ein Retreat besucht hat, konnte feststellen, wie sehr diese Stille-Zeit im Schweigen die eigene Meditationspraxis vertieft und bereichert. Deshalb ist es keine Frage von entweder-oder, sondern von sowohl-als-auch.

Eine Meditationspraxis umfasst formales Üben (sitzende Meditation, Bodyscan, Gehmeditation, achtsame Körperarbeit) und informelles Üben (das Ausführen der alltäglichen Verrichtungen in Achtsamkeit).

Ebenso unverzichtbar für jeden ernsthaft Meditierenden sind regelmäßige Retreat-Zeiten der Zurückgezogenheit vom Alltag in Schweigen und Meditation. Im Retreat sind die Außenreize stark reduziert und die Tagesabläufe sind vollkommen auf die meditative Praxis fokussiert. Das trägt dazu bei, die Konzentration und auch das Verständnis der eigenen Meditations- und Achtsamkeitspraxis zu vertiefen.

Ein Retreat ist somit eine wichtige Ergänzung der alltäglichen formalen und informellen Meditations- und Achtsamkeitspraxis.

Der Ort, wo meine Tage ich verbringe,
ist unsagbar verborgen und geheimnisvoll.
Kein Wind – von selbst rascheln die Schlingpflanzen.
Kein Nebel – im Bambushain bleibt es immer dunkel.
Was ist es, das den Wildbach glucksen läßt?
Ganz von allein quellen die Wolken am Berg.
Am Mittag sitzend in meiner Berghütte,
da erst erkannte ich der Sonne vollen Glanz!

Han Shan


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4. Das erste Mal: Ist ein Retreat etwas für mich?

Wer überlegt, zum ersten Mal an einem Retreat teilzunehmen, den treiben im Vorfeld meist einige der folgenden Fragen um:

  • Kann ich mir das zutrauen? Halte ich das durch?
  • Schaffe ich es, so lange nicht zu reden?
  • Was mache ich, wenn ich Heimweh bekomme?
  • Werde ich die Ziele erreichen, die ich mit dem Retreat verfolge?

Im Allgemeinen zeigt die Erfahrung: „Wer gut reden kann, kann auch gut schweigen„. Es ist vielleicht hilfreich sich klar zu machen, dass Schweigen weder Verzicht noch Strafe ist. Im Retreat entscheidet man sich ganz bewusst dafür, eine Zeit lang nicht zu reden. Das ist schon alles.

Es ist unser Geist, der dazu neigt, die Sache im Vorfeld zu dramatisieren. Er will uns schützen, weil wir im Begriff sind, uns auf eine neue, unbekannte Erfahrung einzulassen, die „gefährlich“ für uns sein könnte. Er unterscheidet aber leider nicht, ob es sich dabei um einen Kampf mit einem Säbelzahntiger oder ein Stille-Retreat handelt.

Die meisten Teilnehmer berichten hinterher, dass es ihnen überhaupt nicht schwergefallen ist, zu schweigen. Im Gegenteil: Sie haben es als wohltuend erlebt, einmal den Mund halten zu dürfen. Wer sich zu einem Stille-Retreat anmeldet, entscheidet sich freiwillig dafür – das Schweigen ist kein Zwang sondern ein Geschenk, ein Stück innere Freiheit.

Für manche Ungeübte sind die Mahlzeiten im Schweigen anfangs etwas befremdlich, aber bereits nach kurzer Zeit haben sie sich daran gewöhnt und schätzen es.

Die Stille bedeutet mehr als tausend Leben. Sie schenkt uns eine Freiheit, die mehr wert ist, als alle Reiche der Welt. Die Wahrheit in sich selbst erblicken, nur für einen Augenblick, gilt mehr als alle Himmel, mehr als alle Welten, mehr als alles, was es gibt.“

Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī

Die Definition eines Retreats

Ein Retreat durchhalten

Die Frage: „Traue ich mir das zu? Halte ich ein Retreat durch?“ ist nicht ganz unberechtigt. Es entspräche nicht der Realität, ein Retreat als so etwas wie eine lockere, entspannende Urlaubsalternative darzustellen. Die Konfrontation mit sich selbst kann zwischendurch als recht herausfordernd empfunden werden.

Ein Retreat ist gewöhnlich so gestaltet, dass die täglichen Unterweisungen zur Meditation, die Meditationsanleitungen als solches sowie die abendlichen Vorträge, den Umgang mit den Hürden aufgreifen, die bei den Teilnehmern gewöhnlich entstehen. Meistens gibt es während eines Retreats zusätzlich die Möglichkeit eines kurzen Gespräches mit der Retreat-Leiterin.

In manchen Retreats gibt es zwischendurch sogar einen Austausch in Kleingruppen. Umsichtige Retreat-Leiter weisen gleich zu Beginn darauf hin, dass sie bei Problemen trotz des Schweigens jederzeit ansprechbar sind.

Durch diese Maßnahmen sind die Teilnehmer mit ihren Prozessen gut aufgefangen und das „Durchhalten“ wird erleichtert.

Ein Retreat - für wen?

Ein Retreat „durchzuhalten“ wird durch eine umsichtige Retreat-Leitung unterstützt.

5. Kann ich auch bei Ängsten oder Depressionen an einem Retreat teilnehmen?

Grundsätzlich sollte jemand der an einem Retreat teilnimmt, über Meditationserfahrung verfügen und psychisch und körperlich stabil sein.

Wer unter Depressionen leidet und erwägt, an einem Achtsamkeits-Retreat teilzunehmen, sollte sich bewusst sein, dass die Leiterin eines Retreats ihren Fokus auf allen Teilnehmern der Gruppe haben muss. Zudem sind die wenigsten Retreat-Leiter dafür ausgebildet, mit komplizierten psychischen Vorfällen adäquat umzugehen.

Es wäre dennoch denkbar, mit Depressionen oder Ängsten an einem Retreat teilzunehmen. Ob das eine gute Idee ist, sollte der Betroffene gemeinsam mit seinem Psychotherapeuten und der Retreat-Leiterin klären.

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6. Wie bereite ich mich auf ein Retreat vor?

Äußerliche Vorbereitungen

Im Vorfeld eines Retreat-Besuches gibt es mehr oder weniger viele Dinge zu klären und zu organisieren – je nachdem, wie lange das Retreat dauert und wie die eigenen Lebensumstände beschaffen sind. Deshalb empfiehlt es sich, rechtzeitig mit der Planung der Abwesenheit zu beginnen. Im Grunde fängt ein Retreat bereits mit diesen organisatorischen Vorbereitungen des Privat- und Berufsalltags an.

Innerliche Vorbereitungen

Parallel zu den äußeren Vorbereitungen solltest du dich auch innerlich auf das Retreat vorbereiten. Verlängere bereits zwei Wochen vor Retreat-Beginn die täglichen Zeiten der Meditation und reduziere allmählich die äußere Reize. In einem inspirierenden Buch zu lesen, kann förderlich dafür sein, sich innerlich zunehmend auf die Zeit in Stille einzustimmen.

Vorstellungen und Erwartungen loslassen

Halte deinen Geist frei von allen Erwartungen. Feste Vorstellungen davon, dass alle persönlichen Bedürfnisse und Erwartungen erfüllt werden, ist ein Garant dafür, in einem Retreat keine gute Zeit zu haben.

Und wenn du die ganze Zeit nach etwas Bestimmtem Ausschau hältst, das sich in deinem Inneren ereignen sollte, könnte dich dieses Streben aus dem Hier und Jetzt forttragen und dir die Sicht auf das vernebeln, was „jetzt“ ist.

Am besten wirst du klarkommen, wenn du die Zeit im Retreat als eine Zeit des entspannten Nichtstuns genießt und alle Erwartungen an dich selbst, den Leiter, die übrigen Teilnehmer und das Retreat selbst loslässt.

Kostbare Stille.
Lied
vom Ausruhn
und Werden,
sich finden
und Sein.“

Else Pannek

Auf das Zurückkommen aus dem Retreat vorbereiten

Zur Vorbereitung gehört auch die Vorbereitung auf das Zurückkommen. Ein Retreat verstärkt die eigene Sensitivität. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich ein Retreat-Heimkehrer zunächst überfordert fühlt, weil er alles um sich herum als zu laut, zu schnell und zu intensiv empfindet.

Im Allgemeinen braucht man etwas Zeit und Freiraum, um sich wieder an den Alltag zu gewöhnen. Bereite die Menschen in deinem Umfeld rechtzeitig darauf vor und bitte für die ersten Tage um etwas Nachsicht.

Zu den Vorbereitungen eines Retreats sollte auch gehören, sich die darauf folgende Woche möglichst frei von Terminen zu halten.

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Die Vorbereitung auf einen Retreat

7. Womit beginnt ein Retreat?

Es bewährt sich, nicht auf den letzten Drücker am Retreat-Ort anzukommen. Plane großzügig. Denn: Die Zeit des Ankommens und Einstimmens ist wichtig – und sie beinhaltet bereits erste „richtige“ Übungen: das Zimmer beziehen, die Sachen auspacken und es sich gemütlich machen, das Haus und die Gegend erkunden.

Vielleicht stellst du dann fest, dass du dieses oder jenes vergessen hast oder dass dir im Zimmer irgendetwas fehlt. Für solche Zwecke gibt es ein hilfreiches Mantra: „Irgendwas fehlt immer“. Das ist kein Fatalismus. Dieser Satz kann helfen, mit einem entspannten und nachsichtigen Lächeln die Tatsache zu akzeptieren, dass man nie alles hat, was man braucht. Irgendwas fehlt immer. So ist das eben. Willkommen im Leben.

Eng mit diesem Mantra verbunden und ebenso hilfreich ist die innere Haltung, sich für ein Leben in Zufriedenheit zu entscheiden. Diese innere Haltung nimmt den Dingen, die fehlen, die Macht, den inneren Frieden zu stören.

Praxis der Dankbarkeit

Ein schönes persönliches Ritual, ein Retreat zu beginnen ist, eine Haltung der Dankbarkeit einzunehmen. Besinne dich auf all die Dinge, Umstände und Menschen, die dich zu diesem Retreat geführt haben und deren Unterstützung dir die Teilnahme ermöglicht.

Während der Gehmeditation wird meine Aufmerksamkeit durch einige Nacktschnecken geschärft, die zeitlupenartig über den Weg mäandern. So zirkle ich zwischen den braunen, glänzenden Tieren hindurch, vorbei an einem Exemplar, das offenbar einem unachtsamen zweibeinigen Zeitgenossen zum Opfer gefallen ist. Wie vergänglich unser aller Leben doch ist – in jedem Moment kann es vorbei sein.“

Doris Kirch

8. Wie ist der Ablauf eines Achtsamkeits-Retreats?

Die Abläufe eines Retreats können je nach Tradition und Retreat-Leiter recht unterschiedlich sein. Ich stelle hier den Ablauf eines Retreats vor, wie ich es in Anlehnung an die buddhistische Vipassana-Tradition und im Kontext von MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction = Stressbewältigung durch Achtsamkeit) gewöhnlich durchführe.

Zu „Meditation“ gehören in diesem Zusammenhang Sitzmeditation (Einsichtsmeditation), Bodyscan, Gehmeditation, sanfte Körperarbeit und Liebende-Güte-Meditation sowie das achtsame Essen.

Disziplinierte Milde

7.00 – 8.30 Uhr Meditation
8.30 Uhr Achtsames essen
10.00 – 13.00 Uhr Meditation
13.00 Uhr Achtsames Essen
13.30 – 15.30 Uhr Selbstbestimmte Praxiszeit
15.30 – 18.30 Uhr Meditation
18.30 Uhr Achtsames Essen
20.00 Uhr Vortrag und Meditation
21.00 Uhr Nachtruhe

Zwischen den einzelnen formalen Übungen gibt es „Zwischenzeiten“, die ebenso zur Achtsamkeitspraxis gehören wie die formalen Übungen. Überhaupt gibt es in einem Retreat keine „Pausen“. Jeder Schritt, jede Bewegung, jede sinnliche Empfindung und jede Bewegung des Geistes gehören zur Praxis der Meditation und Achtsamkeit dazu.

Im Grunde ist auch das wieder ein entspannender Gedanke: Dadurch, dass wir immer in der Praxis sind, brauchen wir nichts Besonderes zu tun.

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9. Wie gehe ich mit dem um, was während des Retreats in meinem Geist geschieht?

Ein Retreat ist kein „Kindergeburtstag“. Es braucht Mut und Disziplin, allen Ablenkungen zu entsagen und sich in die Stille zurückzuziehen, um sich selbst zu begegnen. Es gibt Phasen im Retreat, da haben wir das Gefühl, es läuft ausgesprochen gut: Die körperliche Unruhe und der Gedankenstrom halten sich in Grenzen, es gibt wenig innere Widerstände und es tauchen keine schwierigen Gefühle auf.

Aber es gibt auch Zeiten, in denen der Geist wie besessen nach Zerstreuung sucht, weil er sich so entsetzlich in seiner eigenen Gegenwart langweilt. Wir sitzen und tun nichts. Unser Kopf ist nicht wie gewohnt mit der Bewältigung der Alltagsaktivitäten zwangsbeschäftigt; er ist frei. Das ist für ihn schwer auszuhalten. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.

Also schweift der Geist mit seiner Aufmerksamkeit umher und sucht Material über das er Phantasievorstellungen entwickeln und Geschichten erfinden kann. Sobald sich ihm die Möglichkeit bietet, taucht er in die Erinnerungen längst vergangener Ereignisse ein. Ermüdet ihn das, beschäftigt er sich mit der Zukunft und beginnt, grandiose Pläne zu schmieden und Vorhaben zu organisieren.

Oder er entwickelt plötzlich heftige Widerstände gegen irgendetwas. In der Ausnahmesituation eines Retreats ist unser Geist imstande, eine gewöhnliche einfache Vorliebe oder Abneigung zu einem gewaltigem Drama „aufzublasen“.

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Widerstände in einem Retreat

„Kopfkirmes“

Phasen solch geistiger und emotionaler Überaktivität wechseln sich mit Zuständen völliger Dumpfheit und Schläfrigkeit ab. Dann überkommt einen schon mal das Gefühl, im nächsten Moment vor Müdigkeit vom Kissen zu kippen.

Doch urplötzlich macht uns der Gedanke wieder hellwach, ob die Teilnahme an diesem Retreat wirklich eine gute Idee war. Subversiv flüstert der Kopf uns ein, dass wir das wahrscheinlich nicht aushalten werden, und er treibt seine Heimtücke auf die Spitze, indem er uns mit der Frage infiziert, ob wir nicht lieber abbrechen und nach Hause fahren sollten.

Solche und ähnliche Gedanken fördern nicht gerade das Durchhaltevermögen. Aber sie tauchen gewöhnlich auf. Jeder der meditiert, kennt diese schwierigen Zustände und weiß, dass sie in gewisser Weise „normal“ sind; humorvoll ausgedrückt sind sie unsere verlässlichen Begleiter in der Meditation.

In der buddhistischen Psychologie gibt es sogar einen Namen dafür: Die Fünf Hemmnisse (oder Hindernisse). Vielleicht tröstet es dich, wenn ich dir verrate, dass die Geisteszustände Zweifel, Unruhe, Trägheit, Widerwillen und Verlangen durchaus keine Anfängerprobleme sind.

Egal, wie lange und intensiv jemand meditiert, die Fünf Hemmnisse sind immer dabei. Die Hindernisse zeigen sich mit zunehmender Meditationserfahrung subtiler aber sie tauchen in verschiedenen Verkleidungen immer wieder einmal auf.

Das Gras wird grüner.

Heute Morgen fiel mir auf, dass das Frühstück besser schmeckte, und in der Geh-Meditation hatte ich den Eindruck, das Gras sei heute grüner als sonst, die Luft frischer und die übrigen Retreat-Teilnehmer schienen achtsamer, als in den ersten Tagen.

Die „Retreat-Trance“ hat begonnen, meine „Grüne-Gras-Erfahrung“. Es fühlt sich ein bisschen so an, wie ein LSD-Trip beschrieben wird: Alles ist farbenfroher, leichter und freundlicher.

Ich kenne diesen Zustand; er stellt sich gewöhnlich zwischen dem zweiten und dritten Tag ein. Was diese Empfindungen hervorruft kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber meine persönlichen Erfahrungen deuten auf das Nachlassen von inneren Widerständen hin und darauf, dass ich allen Verrichtungen ihre Zeit lasse und meine Sinne mehr benutze.

Doris Kirch

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10. Was ist zum Abschluss eines Retreats zu beachten?

Gegen Ende eines Retreats wird man nicht selten mit dem Phänomen des „vorauseilenden Geistes“ konfrontiert: Die Gedanken kreisen immer öfter um das, was einen zu Hause und am Arbeitsplatz erwartet.

Wir können auch dieses Phänomen im Retreat zur Übung der Achtsamkeit machen. Indem wir die Aufmerksamkeit auf unruhige Körperempfindungen richten, auf die abschweifenden Gedanken und auf die sie begleitenden Emotionen wie Freude oder Bedauern, können wir uns selbst wieder ins Hier und Jetzt zurückbringen.

Langsam in den Alltag eingewöhnen

Wenn man längere Zeit in einem Retreat verbracht hat und unvorbereitet auf seinen gewöhnlichen Alltag treffen würde, könnte das einem Gefühl entsprechen, ungebremst gegen eine Mauer zu fahren. Man selbst hat während des Retreats meistens nur ansatzweise ein Gefühl dafür, wie still man innerlich geworden ist und wie sehr man sich von Tag zu Tag verlangsamt hat.

Treffender müsste man eigentlich sagen: Wie sehr man wieder im natürlichen Rhythmus des eigenen Seins angekommen ist.

Ganz im Geheimen sprachen der Weise und ich. Ich bat ihn: „Nenne mir die Geheimnisse der Welt.“ Er sagte: „Schweige … und lasse dir die Geheimnisse der Welt von der Stille erzählen.“

Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī

Je länger ein Retreat gedauert hat, desto länger sollte deshalb die Übergangsphase dauern. Ein verantwortungsvoller Retreatleiter wird seine Teilnehmer schrittweise einfühlsam auf das Reden, das wieder Mit-anderen-in-Kontakt-Kommen und den Eintritt in den Alltag vorbereiten.

Nachwirkungen

Trotz aller guter Vorbereitung ist das Nachhausekommen manchmal auch von gemischten Gefühlen begleitet. Ein Retreat wirkt noch lange nach. Deshalb braucht es in den ersten Tagen der Rückkehr noch ein wenig „Schonzeit“. Wir sollten nicht nur unser Umfeld um etwas Rücksicht für die kommenden Tage bitten, sondern auch mit uns selbst fürsorglich umgehen.

Ausreichender Schlaf, Meditation, leichte Bewegung, Spaziergänge in der Natur und vielleicht das eine oder andere Gespräch mit einem guten Freund können uns dabei unterstützen, das Retreat insgesamt als eine wertvolle Erfahrung abzurunden.

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Vipassana-Retreat

Achtsamkeitsretreats mit Doris Kirch

Anhalten.
Auszeit.
Wieder zur Besinnung kommen.
In die Stille der eigenen Mitte eintauchen.
Dem Herzen lauschen.
Herausfinden, was wirklich wichtig ist.

Doris Kirch

Teilnehmererfahrung

Ein wunderbares Geschenk des Lebens

von Carola

Stille Sitzmeditation im Retreat

Stille Sitzmeditation im Retreat

„Vor meinem ersten Retreat hatte ich nur eine vage Vorstellung davon, wie ein Retreat wirken könnte. Und mich haben viele Gedanken beschäftigt, wie ich wohl in der Zeit des Retreats mit mir und v.a. auch mit meinem Umfeld klarkommen würde. Ich hatte ja keinerlei Vorstellung davon, wie ich auf die Stille wohl reagieren würde!

Nach meinem ersten 1-Wochen-Retreat wusste ich dann aber bereits, dass dies sicher nicht das letzte gewesen sein wird, auch wenn mir insbesondere die Gehmeditationen zunächst ganz schön schwer gefallen sind. Aus dem Alltag bin  ich es einfach gewöhnt, schnell von A nach B zu gehen. So konnte ich mit langsamem, ziellosem Gehen erst einmal nur wenig anfangen.

Und trotzdem habe ich das Retreat als wunderbares Geschenk des Lebens angenommen – einfach da sein dürfen, keine Fragen beantworten brauchen, und sich ganz und gar sich selbst zuwenden dürfen.

Vorfreude auf das zweite Retreat

Gehmeditation während eines Retreats

Gehmeditation während eines Retreats

Zu meinem zweiten Retreat bin ich dann mit einer immensen Vorfreude gefahren, und konnte mich erstaunlich schnell auf die Retreat-Situation einlassen, auch auf die Gehmeditationen.

Nie zuvor habe ich eine solche innere Friedlichkeit erlebt. Eine Woche – aber gefühlt wie 3 Wochen Urlaub. Und die innere Friedlichkeit durfte ich mir erst einmal mit in den anschließenden Alltag nehmen und konnte sie mir immerhin einige Wochen lang bewahren.

Die Entschleunigung und das Erleben von Achtsamkeit und gegenseitiger Rücksichtnahme in einer Gruppe empfinde ich jedes Mal als große Bereicherung für mein Leben.

Ich freue mich sehr auf viele weitere Retreats an unterschiedlichen Orten, denn jeder Retreat-Ort birgt seine ganz besondere Kraft und jede/r Retreat-Lehrende sät in mein Leben neue Samen der Achtsamkeit.“


 

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