Fällt es dir auch manchmal schwer, loszulassen? Egal, ob Dinge, Menschen oder lästige Angewohnheiten – bisweilen hat sich etwas einfach überlebt und es wird Zeit, Raum im Leben für Neues zu schaffen. Doch Loslassen tut oft weh. Erfahre, wie es möglich ist, etwas loszulassen, ohne es wegzuschmeißen und ohne dich dabei selbst zu verletzen. Denn achtsames Loslassen ist sanftes Loslassen.

Auf die harte Tour: Wie das Leben mich Loslassen lehrte

Es ist fast ein Viertel Jahrhundert her, da steckte ich in einer Beziehung mit dem Vater meiner jüngsten Tochter. Als nicht mehr ganz taufrisches Mädel hatte ich noch ein Kind bekommen, stillte, bekam Nierensteine, war vollzeit berufstätig und wir steckten mitten im Hausbau. Unser Miteinander lief nicht gut und ich hatte eine Trennung bereits in Erwägung gezogen.

Obwohl ich mit meinen Kräften völlig am Limit war, hatte sich in meinem Kopf die Idee festgesetzt, dem verwucherten Land hinter dem Haus einen Klostergarten abzutrotzen.

Im Schweiße meines Angesichts

Gesagt getan. Wochenlang rupfte ich Unkraut und legte im Schweiße meines Angesichts ein Klosterbeet mit buchsbaumeingefasstem Kreuzgang an, dessen Mitte eine Amphore mit wundervollen Rosen zierte.

An einem warmen Sommertag bepflanzte ich schließlich die einzelnen Felder mit allen möglichen Kräutern. Abends ging ich, frisch geduscht, mit einem Glas Rotwein in den Garten, um zufrieden das sensationelle Ergebnis meiner langen, harten Arbeit zu betrachten.

Doch meine Glücksgefühle wurden jäh von einem schrecklichen Gedanken zerstört: „Wenn ich ihn eines Tages verlassen sollte, war das hier alles umsonst. Ich kann nichts davon mitnehmen.“

Als diese Stimme verklang, meldete sich eine zweite zu Wort. Sie sagte: „Eines Tages musst du sowieso alles loslassen.“

Die Dynamik von Festhalten und Loslassen

In diesem Moment begriff ich die Dynamik von Festhalten und Loslassen. Nichts ist für die Ewigkeit. Ich kann nichts festhalten. Gar nichts. Ich verstand, dass ich alles, was ich tue, deshalb tue, weil ich es möchte. Ich tue es, weil ich Freude an meiner schöpferischen Tätigkeit im gegenwärtigen Moment habe.

Und der gegenwärtige Moment ist der einzige, der zählt.

In diesem Moment habe ich dann auch mein Klosterbeet losgelassen … und mich bald darauf getrennt.

Ein Taj Mahal als Mahnmal des Loslassens

Die Geschichte war damit aber noch nicht zu Ende. Ich dachte, dass mein Ex aus Verletztheit nun als erstes mein schönes Beet einebnen würde. Erstaunlicherweise tat er das nicht. Er ließ es unberührt. Jahrelang mähte er mit dem Rasentruck stoisch um das Beet herum, sodass es über die Jahre mehr und mehr zuwuchs.

Ein „Taj Mahal“, das mir wie ein Mahnmal des Loslassens immer und immer wieder vor Augen geführt wurde (damit das Leben sicher sein konnte, dass ich meine Lektion auch wirklich gelernt hatte).

Dinge loszulassen bedeutet nicht, sie loszuwerden. Sie loszulassen bedeutet, dass man sie sein lässt. (Jack Kornfield)

Warum tut Loslassen weh, selbst wenn wir es wollen?

Wie jeder Mensch musste auch ich im Leben vieles loslassen. Ich sage „musste“, denn oft hatte ich nicht die Wahl. Das Loslassen tat weh.

Aber da waren auch Dinge, Menschen, Erinnerungen und Angewohnheiten, von denen ich mich absichtlich getrennt habe. Dennoch tat auch dieses Loslassen weh. Neben dem „lachenden Auge“, mit dem wir etwas loslassen, scheint es oft auch ein „weinendes Auge“ zu geben. Warum ist das so?

Das Gehirn als Troublemaker

Die Ursache dafür liegt in der Funktionsweise unseres Gehirns. Ungeachtet unserer wahren inneren Natur, der Einheit und Verbundenheit mit dem Leben, sorgt diese Funktionsweise dafür, dass wir uns als getrennt von allem anderen erleben.

Dazu gaukelt unser Bewusstsein uns ein Selbst vor, das versorgt und beschützt werden muss – eine evolutionäre Grundvoraussetzung, um „das Überleben der Art“ zu gewährleisten.

Im Alltag führt dieser Mechanismus dazu, dass wir (unbewusst) eine Unterteilung in Ich und Nicht-Ich vornehmen. Was wir als Ich deklarieren, verleiben wir uns sozusagen ein – es wird Teil unserer Ich-Identität: Mein Mann, meine Kinder, mein Haus, meine Religion, meine Hautfarbe, mein Land usw.

Schluss mit lustig, wenn sich das Selbstkonzept bedroht fühlt

Fühlen wir etwas von dem bedroht, das wir als zu uns gehörig betrachten – oder müssen oder wollen wir es loslassen, führt das unweigerlich zu einer gefühlten Bedrohung dieses Selbstkonzeptes.

Die Folge: Es entsteht der Impuls, es zu verteidigen oder festhalten zu wollen – ein Impuls, der unserem inneren Überlebensprogramm entspringt. Eine Unterteilung von Freund und Feind macht unser Bewusstsein dabei nicht: Etwas verlässt den engen Kreis, den wir um unser Ich und dessen Erweiterungen gezogen haben – und das tut weh.

Unfreiwillig oder gewollt – es tut immer weh, etwas gehen zu lassen, das wir als Teil von ich und mein betrachten.

Wie du den Schmerz des Loslassens verringerst

Wenn du also das nächste Mal in der Situation bist, etwas loslassen zu müssen (oder zu wollen), dann wird es deinen Schmerz verringern, wenn du dich auf zwei grundlegende Wahrheiten des Lebens als innere Haltungen besinnst:

 Alles verändert sich fortwährend

Alles geht (früher oder später) vorüber, zerfällt oder löst sich auf: Dinge, Gefühle oder Situationen. Das ist der natürliche Prozess des Lebens. Du kommst in eine entspannte Harmonie mit dem Sein, wenn du aufhörst, an Dingen festzuhalten, die ihrer Natur nach vergänglich sind.

 Es gibt nichts, was dir gehört

Die Achtsamkeitspraxis ist ein Weg zu der Erkenntnis, dass du als menschliches Wesen mit allem Lebendigen verbunden bist. Sobald du diese tiefe Erkenntnis erlangst, kannst du sehen, dass es nichts gibt, was du festhalten kannst. Weil alles bereits da ist; es ist in dir bzw. du bist das. In Wahrheit gibt es nichts, was du festhalten und nichts, was du loslassen kannst.

Inmitten dieser elementaren Erkenntnisse löst sich der Schmerz des Loslassens von selbst auf.

Seinserkenntnis ist oft schwer in Worte zu fassen. Aber der Schriftsteller Marcel Proust fand eine wunderbare Metapher fürs Loslassen, in der ich all das fühlen kann, was ich gerade beschrieben habe:

Loslassen: Setz dich an einen Bach und sei einfach da. Das Lied des Wassers wird deine Sorgen aufnehmen und sie zum Meer tragen. (Marcel Proust)

Mit Achtsamkeit eine weisere Beziehung zum Loslassen entwickeln

Lass mich an einem praktischen Beispiel illustrieren, wie Loslassen mit Achtsamkeit im Alltag aussehen kann.

Kürzlich hat mir ein Bekannter stolz erzählt, er habe seinen Fernseher entsorgt, um nicht ständig vor der Glotze zu hängen. Wie schade, dachte ich. Da hat er doch glatt „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“.

Inspiriert zu dieser drastischen Maßnahme wurde mein Bekannter durch einen Life-Coach. Unter diesen Coaches scheint ein Konzept zum „radikalen Loslassen“ zur Zeit en vogue zu sein. Um die befreiende Kraft des Loslassens zu erfahren, wird unermüdlich dazu aufgefordert, quasi alles loszulassen, was nicht niet- und nagelfest ist.

Vom Wegschmeißen zum Loslassen

Die Perspektive der buddhistischen Psychologie ist da etwas differenzierter. Ich jedenfalls ermuntere gerne dazu, zunächst einmal die Momente bewusst wahrzunehmen (und zu fühlen), die nerven und Stress verursachen.

Wenn du das in der nächsten „Loslass-Situation“ einmal ausprobierst und sie tiefer erforschst, wirst du sehen, dass das Unangenehme dabei aus deinem eigenen Anhaften und Begehren entsteht – zum Beispiel aus dem Wunsch, die Dinge anders haben zu wollen als sie sind.

Achtsames, also weises und heilsames Loslassen entsteht, wenn du erkennst, welchen Preis du für dieses Anhaften und Begehren zu zahlen hast. Wenn du aus dieser inneren Erkenntnis heraus loslässt, wirst du die Befreiung aus diesem Klammergriff unmittelbar erfahren.

Durch Achtsamkeit eine gesunde Beziehung zum Schwierigen entwickeln

Um auf meinen Bekannten zurückzukommen: Sich der Erfahrung des eigenen Leids achtsam zuzuwenden, statt sich in mentalen Konstrukten über das Loslassen zu verhaken, hätte ihm tiefe Selbsterkenntnisse bescheren können.

Diese Einsichten wiederum hätten dazu führen können, mit Hilfe von Achtsamkeit eine gesunde Beziehung zum eigenen Fernsehkonsum zu entwicklen, statt den Fernseher in die Tonne zu drücken.

Achtsame Trennung: Loslassen ohne wegzuwerfen

Ein weiteres Beispiel für achtsames Loslassen ist die Trennung aus einer Beziehung. Dich von jemandem abzuwenden, der dir nicht gut tut, bedeutet nicht unbedingt, ihn nicht mehr zu lieben oder ihn vergessen zu wollen. Es ist vielmehr die Entscheidung, dass diese Beziehung den Schmerz nicht wert ist.

Eine achtsame Trennung würdigt das, was war – und ist gleichzeitig Ausdruck deiner Selbstsorge. Loslassen bedeutet nicht „wegwerfen“. Vielmehr hat es die Qualität von „Manchmal ist ein Nein ein Ja zu mir.“

Mach doch in dieser Woche einmal das achtsame Loslassen zur Achtsamkeitsübung:

Loslassen statt wegwerfen

Sichtweisen und Übungen, die dir das Loslassen erleichtern

Achtsamkeitsübung: Losslassritual

Diese kleine Achtsamkeitsübung in Form eines Loslass-Rituals wird dich dabei unterstützen, dich von Dingen zu lösen, die sich in dir oder deinem Leben selbst überlebt haben.

Fühle intensiv in jeden Schritt hinein:

  1. Schreib auf einen Zettel, was du gerne loslassen möchtest.
  2. Falte den Zettel, halte ihn in der Faust, strecke den Arm gerade aus; Handfläche zum Boden.
  3. Verharre eine Zeit lang in dieser Position, während du die Faust immer mehr zusammenpresst.
  4. Dann drehe die Faust und öffne dabei langsam die Hand.
  5. Lass den Zettel eine Weile auf der Handfläche liegen und spüre in das Gefühl des Öffnens und Lösens hinein.

Am besten beginnst du mit einfachen Übungsobjekten, zum Beispiel mit irgendeiner lästigen Angewohnheit. Beobachte in nächster Zeit, wie sich das Loslassen entwickelt.

Achtsamkeitsmeditation: Seinlassen statt loslassen

Weil das Loslassen oft ein schmerzvoller Prozess ist, werden wir dabei schnell eng, hart und angespannt. Aber Loslassen geht viel leichter und ist förderlicher für unsere Gesundheit und für unseren Seelenfrieden, wenn wir dabei entspannt bleiben.

Deshalb zeige ich dir, wie du die Achtsamkeitsmeditation nutzen kannst, um zu entkrampfen und weich zu werden. Weich werden ist das Resultat von Zulassen und Seinlassen. Es geht also nicht nicht darum, etwas zu tun, sondern alles Unnötige sein zu lassen.

Praktiziere die folgende Achtsamkeitsmeditation 10 Minuten lang – oder so lange du magst:

✨ Setz dich aufrecht hin und sei auf eine lockere Weise im Körper anwesend. Deine Körperspannung ist hilfreich, wenn du dich wie ein gut gestimmtes Saiteninstrument fühlst: Nicht zu straff und nicht zu schlaff.

✨ Lass den Geist auf den Wellen des Atems zur Ruhe kommen.

✨ Tu nichts, außer zu atmen; störe den Atem nicht, indem du versuchst, ihm Tiefe oder Rhythmus aufzuzwingen.

✨ Deine Aufmerksamkeit sanft von verspannten Körperbereichen anziehen lassen.

✨ Absichtslos in den jeweiligen Bereich hineinatmen und zulassen, dass er weich wird. Bemerke, wenn du dabei vom Zustand des absichtslosen Seins ins absichtsvolle Tun kippst.

✨ Was geschieht mit einem verspannten Bereich in dem Moment, in dem du ihn mit dem wärmenden Licht der Achtsamkeit berührst (ohne etwas zu tun)?

Loslassen

Eine spirituelle Sicht auf das Loslassen

Wenn du nichts festhältst, brauchst du auch nichts loszulassen.

Das Credo von weisen Menschen aller spirituellen und religiösen Traditionen war schon immer: „Nichts haben – alles besitzen“.

Innerlich frei sind wir nur, wenn wir unser Herz nicht an Geschaffenes hängen. Wem es gelingt, sich ins pure Sein hineinsinken zu lassen, dem offenbaren sich die Gnade des Gehaltenseins und die göttliche Verbindung mit dem Leben selbst.

Die Wirkung achtsamen Loslassens in der Meditation erfahren

In der Achtsamkeitsmeditation können wir diesen Zustand erfahren. Er ist unser ursprüngliches Zuhause. Hier erleben wir, was Loslassen bedeutet: einfach zu sein! Wir haben kein Ziel, müssen nichts leisten, uns nicht anstrengen und uns gegen nichts wehren.

Innere Freiheit durchflutet uns in dem Moment, in dem wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen und uns gegen das Sosein der Dinge aufzulehnen. Meditation ist der Raum der völligen Hingabe im absichtslosen Loslassen und Anerkennen des Lebens, wie es gerade ist.

© Doris Kirch | 2022